Anarchie ist machbar, Frau Nachbar!


SemcoSchon wieder neigt sich ein Monat dem Ende und es ist Zeit für das Querdenk Magazin von consulteria. Diesmal geht es um die Freiheit von Mitarbeitern und wie Verantwortung hilft, Mitarbeiter zu motivieren. consulteria berichtet einmal im Monat auf Werk Ost über clevere Business-Ideen und smarte Anregungen für erfolgreiche Startegien.


Mitarbeiter wählen ihre Vorgesetzten, bestimmen ihre eigenen Arbeitszeiten und Gehälter. Es gibt keine Geschäftspläne, keine Personalabteilung, fast keine Hierarchie. Alle Gewinne werden per Abstimmung aufgeteilt, die Gehälter und sämtliche Geschäftsbücher sind für alle einsehbar, die Emails dafür strikt privat. Und wie viel Geld die Mitarbeiter für Geschäftsreisen oder ihre Computer ausgeben, ist ihnen selbst überlassen.

Das geht doch nicht!

Das kann doch nur im Chaos enden! Bei dem lateinamerikanischen Maschinenbau-Konzern Semco funktioniert es aber sehr gut…

Das Rezept ist einfach: Behandele deine Mitarbeiter wie Erwachsene, dann verhalten sie sich auch so. Je mehr Freiheiten du ihnen gibst, desto produktiver, zufriedener und innovativer werden sie. Ein Unternehmen besteht aus erwachsenen gleichberechtigten Menschen, nicht aus Arbeitskräften. Jeder hat das Recht, sich frei zu entfalten und eine gesunde Balance zwischen Beruf und Privatleben zu finden.

Was für heutige Personalchefs klingen mag, wie ein chaotischer Alptraum, ist eine echte Erfolgsgeschichte. Seit das Unternehmen Semco vom geschäftsführenden Gesellschafter Ricardo Semler „demokratisiert“ wurde, stiegen die Gewinne von 35 Millionen auf 220 Millionen Dollar.

Und nicht nur die Zahlen geben Semler recht, sondern vor allem die Mitarbeiter: Die Fluktuationsrate bei Semco liegt unter einem Prozent.

Es geht Semler um ein neues Verständnis von Arbeit: Eine Firma ist ein Gemeinschaftsprojekt, im besten Fall eine geteilte Leidenschaft. Bei Semco sind die Mitarbeiter essenzieller Teil eines Ganzen, sie sind Mit-Schöpfer, nicht bloß ein Rädchen im System. Sie haben Ideen, sie verstehen ihre Arbeit, sie wissen, was sie wert ist.

Unter den gut 3.000 Angestellten sucht man vergebens nach Empfangsdamen, die nur den Grüßaugust spielen oder Sekretärinnen, die nur zum Kopieren da sind – das übernimmt bei Semco jeder selbst.

Macht jemand keinen guten Job, so wird das im Team diskutiert, oder ein Meeting einberufen. Wer sich ein hohes Gehalt zuteilt, erhöht damit auch die Erwartungen des Teams und den Leistungsdruck.

Die Mitarbeiter haben aber mittlerweile auch ein anderes Verhältnis zur Arbeit: Wenn jemand einen Haufen Geld verdient, die ganze Woche eigentlich nur Golf spielt, aber trotzdem einen guten Job macht und seine Aufgaben erledigt – wen kümmert’s dann? Was zählt, ist das Ergebnis!

Eine Studie von CNN hat festgestellt, dass die Mitarbeiter bei Semco eine sehr viel gesündere Balance zwischen Privatleben und Beruf haben, sich mehr Zeit für Beziehungen, Kinder und Hobbys nehmen, aber gleichzeitig auch ungewöhnlich hohen Einsatz und bemerkenswerte Leistungen im Beruf zeigen. Nicht trotz, sondern wegen der Freiheiten!

Gegründet wurde Semco 1950er Jahren als Hersteller von Zentrifugen für die Pflanzenölindustrie. Im Laufe der Jahre hat sich das Unternehmen stark erweitert und in andere Wirtschaftszweige investiert, vor allem im Dienstleistungsbereich wird mit großen internationalen Partnern kooperiert.

So funktioniert das Semco-Prinzip

Personalchefs glauben noch immer, dass man Angestellte kontrollieren muss, über Stechuhren, feste Arbeitszeiten, Produktivitäts-Reports und Email-Spionage. Semco hat das alles aufgegeben und die Kontrolle durch Vertrauen ersetzt – denn wer will schon mit Leuten zusammenarbeiten, denen er nicht trauen kann?

“Viele Unternehmen besitzen ganze Abteilungen, um ihre Mitarbeiter zu kontrollieren. Wir behandeln unsere Mitarbeiter nicht wie Kinder, sondern wie Erwachsene.”

Dieser Satz von Ricardo Semler drückt das ganze Semco-Prinzip aus: Zufriedene Mitarbeiter arbeiten gerne für ihr Unternehmen, was wiederum dem Unternehmen zugute kommt – eine ganz klare Win-Win-Situation!

Wenn auch Sie vom Semco-Prinzip profitieren wollen, überlegen Sie sich

  • Welche Entscheidungsprozesse in meinem Unternehmen kann ich „demokratisieren“?
  • Gibt es starre Regeln und Abläufe, die nur deshalb eingehalten werden, weil es „schon immer so war“? Kann man sie aufbrechen und ändern?
  • Wie kann ich in meinem Unternehmen weniger Kontrolle und dafür mehr Vertrauen aufbauen?

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Website Semco
Ricardo Semler bei Wikipedia
Buch von Ricardo Semler: Das Semco-System bei Amazon